LIQUID HORIZON

Der Horizont steht in Flammen

Interview

Ein richtig gutes Album haben die Südwestdeutschen von LIQUID HORIZON abgeliefert. Nicht nur musikalisch gibt es bei dem Quartett voll auf die Ohren, sondern vor allem textlich hatte ich riesigen Spaß, mich mit dieser Scheibe zu beschäftigen. "Revolutions" bieten eine Trilogie über die Französische Revolution und zahlreiche weitere spannende Geschichten, von Spartakus, über die amerikanische Verfassung, die mit ihrem revolutionären Geist nahezu ganz Europa beeinflusst hat, bis hin zu Georg Elser, der Hitler bereits 1939 töten wollte. Sänger Oliver Kilthau stand Rede und Antwort und er sollte viel zu tun bekommen.

 

Hallo Oliver, euer neues Album steht im Regal. Eine kurze Selbsteinschätzung zu Beginn.

Hmmm, das ist natürlich nicht ganz einfach… Wir sind auf jeden Fall sehr stolz auf unsere neue CD, an der wir fast 2 Jahre gearbeitet haben. Jetzt müssen wir nur noch hoffen, dass wir nicht die einzigen sind, denen die Scheibe gefällt, haha… Aber du wolltest ja eigentlich eine Selbsteinschätzung. Wir spielen progressiven Metal, wobei "progressiv" für uns nichts mit Gedudel zu tun hat. So was langweilt mich als Zuhörer sehr schnell. Ich denke, dass wir uns da eher an Bands wie SAVATAGE orientieren, bei denen auch immer der Song im Vordergrund gestanden hat.

 

Ihr seid bei musicbuymail gelandet. Wie hat man sich denn ein solches Bündnis vorzustellen?


Die Herren übernehmen für uns den weltweiten Vertrieb des Albums. Für uns hat das in mehrfacher Hinsicht klare Vorteile: Wir behalten die komplette Kontrolle über alles, was die Band betrifft. Es gibt also keine Plattenfirma, die auf die Idee kommen könnte, dass wir in Zukunft New Metal spielen oder wie NIGHTWISH klingen sollen. Gleichzeitig kannst du die Platte aber in Übersee kaufen. Zugegeben: Wenn Sony gekommen wäre und uns ein paar Millionen Vorschuss geboten hätte, hätten wir wahrscheinlich auch nicht Nein gesagt….

 

Der Kritikpunkt vorweg. Wie besoffen ward ihr denn, als ihr euch für dieses Cover entschieden habt, wo es im Booklet doch zahlreiche klasse Motive gibt?

Keine Ahnung, ich war danach nicht beim Alkoholtest. Aber ernsthaft: Mit der Kritik stehst du nicht alleine da, das haben wir in den letzten Tagen schon öfter gehört. Wahrscheinlich hast du recht: Obwohl ich das Cover selbst wirklich gut finde, passt es eigentlich nicht besonders gut zu unserer Musik und wäre bei einer Fantasy-Power-Metal-Kapelle wohl besser aufgehoben gewesen. Es freut mich auf jeden Fall, dass dir das Artwork im Innern gefällt. Das wird unseren Bassisten freuen, der war nämlich für das Innen-Design verantwortlich.

 

Musikalisch steht ihr irgendwo zwischen SAVATAGE, VANDEN PLAS und neueren ICED EARTH. Ich finde, ihr habt eure Nische echt gefunden und mir fällt keine andere deutsche Band ein, die euch in dieser Ecke das Wasser reichen könnte. Wie zum Teufel, soll der Fan aber auf euch aufmerksam werden in heutiger Zeit?

Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung! Wenn du keine riesige Plattenfirma mit entsprechendem Werbe-Etat im Rücken hast, ist es schon verdammt schwer, wahrgenommen zu werden. Aber wir tun was wir können. In erster Linie heißt das natürlich: Live spielen und die Leute so überzeugen. Und natürlich Interviews geben! Der Vergleich mit SAVATAGE, VANDEN PLAS und ICED EARTH freut mich übrigens riesig. Ich bin ein großer Fan dieser Bands, insofern war es im letzten Jahr für uns auch eine tolle Sache, zwei Konzerte mit VANDEN PLAS spielen zu können. Für uns war es dann auch relativ nahe liegend, unsere aktuelle Scheibe von Markus Teske, dem Produzenten von VANDEN PLAS mischen und mastern zu lassen.

 

Kommen wir zu den Texten. Die Französische Revolution ist ja hinlänglich als Thema bekannt. Aber ihr habt auch Ereignisse auf dem Album, die sich nicht nach Revolution anhören, wie zum Beispiel beim Song "Sacrifice". Wie seid ihr gerade zu Georg Elser gekommen oder auch zu den anderen Themen?

Na ja, als wir begonnen haben, Songs für dieses Album zu komponieren war uns schnell klar, dass das ein Konzept-Album werden sollte. Keiner von uns hatte so etwas bisher gemacht und die Herausforderung hat uns gereizt. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich mich dann mit dem Konzept durchgesetzt, dass die Platte "Revolutions" heißen und die Songs über dieses gemeinsame Thema miteinander verknüpft sein sollten. Die Idee, einen Song über die französische Revolution zu machen, hatten wir schon sehr früh. Insgesamt ist es dann ja sogar eine Trilogie geworden. Was mich persönlich als Texter aber besonders interessiert, sind Personen und deren Schicksale. Und die Sache mit Georg Elser fand ich schon immer faszinierend - man weiß über den Mann ja ziemlich wenig. Und ich habe mich gefragt: Was hat ihn wohl dazu bewogen, das Risiko auf sich zu nehmen und einen Anschlag auf Hitler zu verüben? Für mich ist so was auch eine Art von Revolution: Wenn ein Mann oder eine Frau versucht, einen Diktator zu stürzen, egal wie gefährlich das auch sein mag.

 

Auch die amerikanische Verfassung habt ihr als revolutionäres Ereignis verarbeitet. Viele verbinden mit Revolution ja nur linksorientierte Ereignisse, wie die Russische Revolution und kennen Che Guevara. Worin siehst du den revolutionären Charakter der amerikanischen Verfassung?

Du bist ein sehr guter Beobachter! Mir ist das auch aufgefallen, die meisten großen Revolutionen haben aus unserer Sicht eher einen linken Charakter. Ich gebe zu, dass ich mich persönlich mit diesem eher linken Charakter auch sehr gut identifizieren kann. Als ich mich dann für dieses Album mit der Thematik intensiv auseinandergesetzt habe, bin ich über die amerikanische Revolution gestolpert, deren Ergebnis ja die Verfassung war. Und die ist voll mit Ideen, die damals mehr als revolutionär waren und die wir heute als selbstverständlich voraussetzen: Dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind und dass sie das Recht haben, frei zu sein, ohne staatliche Unterdrückung. Wenn ich mir heute anschaue, was daraus geworden ist, finde ich das sehr traurig. Guantanamo hat mit diesen Ideen nicht mehr das Geringste zu tun, das ist ein Rückschritt ins finstere Mittelalter.

 

Eine geniale Idee ist allerdings, kurze Beschreibungen zu den Songs im Booklet beizufügen. So kann wirklich jeder Fan sich in die Texte hineinfinden.

Klar, wenn viel von deinem Herzblut in den Texten steckt, sollen die Leute das auch verstehen können. Ich liebe CDs, ich möchte Sie anfassen, ich möchte mir das Booklet anschauen. Und da fand ich es als Fan immer toll, wenn Musiker was zu ihren Songs schreiben. Das ist ja z.B. auf der "Glorious Burden" von ICED EARTH so. Eine klasse Sache, finde ich!

 

Wie siehst du die momentane Entwicklung der Szene, was Veröffentlichungen, Konzerte und Preise angeht?

Die Preise für Konzerte sind teilweise absolut abartig. Da zahlen die Leute für die Stones über 100 Euro, ohne mit der Wimper zu zucken. Und für Maiden musste ich dieses Jahr auch 60 Euronen auf den Tisch legen. Ich finde das nicht mehr angemessen, wenn man sich verdeutlicht, dass es absolut endgeile "kleinere" Bands gibt, die 5 Euro verlangen, und das auch noch im Dreierpack. Und dann ist die Bude manchmal halb leer. So was ist schon frustrierend. Ich würde mir wünschen, dass die Leute sich weniger vom Hype beeinflussen lassen und mehr Aufmerksamkeit dem Underground schenken. Da gibt es eine Menge sehr, sehr guter Bands, gerade im Metal-Sektor. Der Vollständigkeit halber: Es gibt auch einige sehr positive Beispiele: NEVERMORE haben vor kurzem 20 Euro genommen, da war jeder Euro gut angelegt. Aber MAIDEN und MANOWAR haben da wohl irgendwie den Kontakt zu den Fans verloren, finde ich. Vielleicht ist das auch normal, wenn man einen Privatjet und eine Jacht auf den Bahamas hat. Das setzt sich bei den Veröffentlichungen teilweise fort: Eine CD mit 12 verschiedenen Covern, damit auch dem letzten Fan das Geld aus der Tasche gezogen wird. Ich schwöre an dieser Stelle hoch und heilig, dass es "Revolutions" nur in einer Version geben wird, haha…

 

Wann und wo können wir LIQUID HORIZON auf der Bühne sehen?

Tja, unsere CD Release-Party hast du ja schon verpasst. Wir arbeiten momentan an mehreren Terminen, genaues kann ich dazu noch nicht sagen. Definitiv ist im Moment der 14. Dezember in der Zuckerfabrik in Frankenthal.

 

LIQUID HORIZON hätten es verdient, mit diesem Album ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen. Leider ist die Szene heute so überfüllt und zugemüllt, dass zu befürchten ist, dass dieses klasse Album untergehen wird. Ihr habt alle die Chance dieses zu ändern und über die Homepage der Band oder einen Mailorder die Scheibe zu bestellen. "Revolutions" bietet nicht nur etwas fürs Ohr, sondern auch für den Geist. Zudem entpuppte sich Frontmann Oliver als ein äußerst interessanter Interviewpartner, was uns alle mal lieber ist, als selbstzufriedene Stars, die schon lange nichts mehr gebacken bekommen haben und vom Glanz einstiger Tage leben. Long live LIQUID HORIZON!

(Matthias Decklar)